Die Logik der Unbeständigkeit back
 

Gabriela Germaná, April 2007
Kunsthistorikerin, Forscherin des Kunstmuseums der Universität San Marcos

Übersetzung: Karin Erlenbach
(Goethe Institut Lima)

Die Logik der Unbeständigkeit

Der Wechsel ist charakteristisch für den Lauf der Zeit, Wechsel ist Bewegung, Unbeständigkeit. Das Werk von Tania Bedriñana hat ganz besonders mit diesen Konzepten zu tun. Einerseits ist es der Künstlerin ein Bedürfnis, sich fast unmittelbar auszudrücken und so im präzisen Moment das Wahrgenommene umzusetzen. Andererseits ist ihr bewusst, dass nur das Vergehen der Zeit ihr die konstante Umwandlung der Bestandteile ihres Werkes sowie eine genaue handwerkliche Arbeit erlaubt, auf der Suche nach einer inneren Logik für ihre Arbeit.

Die letzten drei Folgen, die Tania Bedriñana fertig gestellt hat, „Grund“, „Ser/Res“ und „Personanormal“ bestehen aus großen cut-outs oder aus Papier ausgeschnittenen Figuren, bemalt mit Ölfarben und Emulsionen, eingeweicht und gekratzt, in Form von Fragmenten menschlicher Körper (Köpfe, Oberkörper, Arme, Beine), die in großen Installationen an der Wand befestigt sind. Die Fragmente sind miteinander verbunden und es entstehen verschiedene Personen, die einen bestimmten Charakter annehmen, ein Leben führen in ihrer eigenen Welt, die vor unseren Blicken erscheint auf Grund verschiedener Assoziationen, Inhalte und Bedeutungen. Es sind Installationen, die nie zu einem abgeschlossenen Objekt werden, sie leben in einem Zustand latenten Wechsels, so dass sich oft sogar während der Montage neue Zusammenstellungen ergeben haben. Und deshalb werden die Elemente auch nach der Ausstellung sorgfältig geordnet und in der Atelier der Künstlerin aufbewahrt, als eine Art Repertoire, mit der Möglichkeit, in einer anderen Umgebung mit anderen Rollen und Bedeutungen wieder zu erscheinen.

Tania Bedriñana kann dem von ihr verwendeten, sehr widerstandsfähigen Karton, den sie nach seiner Porösität aussucht, ganz verschiedene Endbehandlung und Texturen geben; auf ihm verfließt eine sehr verdünnte Ölfarbe und Flecken, Kratzer und schwach gezeichnete Linien werden sichtbar. Wir haben es, das muss betont werden, mit einer bewussten Ablehnung einer im klassischen Sinne definierten Vollendung zu tun. So nimmt die Künstlerin z.B. ein Fragment, das eine Endbehandlung aufweist, die Arbeit mit Linien, Farbtönen, Lichteinfall usw. zeigt, und dreht es um, und was sich auf der Rückseite befindet, wird zu einer Entdeckung, die ihrer Arbeit viel mehr entspricht: das Papier hat das Öl der Farbe aufgesogen und auf der Rückseite einen Ölfleck hinterlassen, die Spur des ersten Impulses der Hand auf dem Papier; es ist kein Zufall, dass dieser Fleck da ist.

Der architektonische Raum ist nicht nur ein Rahmen oder Hintergrund, der das Werk ausstellt, beide treten in einen engen Dialog, durch den die Bedeutung der Installation erst hergestellt wird. So hängen die Position und die Beziehungen der Personen auch von dem Ort ab, an dem sie sich befinden, und die Wände werden in das Werk integriert, indem die dort vorgefundenen Mängel einbezogen werden: die Flecken nicht renovierter Wände werden z.B. als große Wasserflecken genutzt, die Löcher bilden Formen, die Linien bilden Fragmente von Personen oder Objekten. Die Formen erscheinen fast zufällig, aber werden danach mit großer Präzision bearbeitet.

Es handelt sich um ein Werk mit Bekenntnischarakter, das Gefühle, Bilder und Erinnerungen weckt, die im Zusammenhang mit dem menschlichen Verhalten stehen. Tania Bedriñana erforscht ihre persönliche Erfahrung und zeigt mit den Personen ihres Werks ihre Gedanken über geistige Prozesse und die Art und Weise, wie diese auf das Verhalten der Menschen Einfluss nehmen. Hierzu benutzt sie Teilstücke von Erinnerungen, aus der Realität oder der Fantasie, Szenen voller Aggression und Verletzlichkeit, Erinnerungen aus der Kindheit, Träume und Albträume. Aber es sind vor allem Gefühle, die in ihrem Bewusstsein bewahrt werden, das Gefühl des  Verschwindens oder der Zerbrechlichkeit, oder mehr körperliche Empfindungen, wie „Verletzungen“ der Haut, verursacht zum Beispiel durch Tätowierungen oder Allergien. Die Personen verweisen auf dieses gesamte Universum: das Gesicht einer Frau mit Kämmen im Haar verbindet sich mit einem Gefühl von Missstimmung, eine Frau, die einen Apfel abbeißt, den sie in den Händen hält, erzeugt einen Zustand der Unruhe.

Es ist, als wenn Tania Bedriñana eine parallele Welt schafft, um eine Reihe von intimen und persönlichen Aspekten sichtbar zu machen, die die Alltäglichkeit überdauern, die aus dem Unbewussten kommen und bei denen sie die Notwendigkeit verspürt, sie mitzuteilen. Dabei versucht sie, diese in dem Augenblick zu fassen, in dem sie auftauchen. Mehr als um die Darstellung eines bestimmten Themas handelt es sich um Erleben, das keine präzise Definition hat, subtiles Geschehen, das in Körper und Seele fast unmerklich seine Spuren hinterlassen hat.